China – Eine Welt hinter dem Mond

Unser Einreisevisum ins Reich der Mitte besorgen wir uns über Umwege in Melbourne. Spannend welche Hürden ein Reisender nehmen muss. Sind es zu Hause ungeliebte, weiße Umschläge, die einen die Stirn besorgt in Falten legen lassen, stellt die Suche nach Nahrung und Unterkunft eines der anstrengendsten Ziele des Wanderlustigen dar. Im Laufe unserer Reise statten wir also unterschiedlichsten Botschaften in mehr und minder seriös arbeitenden Behörden ab und hoffen stets auf Kooperation. Gelegentlich ist ein kleiner Obolus von Nöten, der großzügig in Dollars berechnet und aufgeschlagen wird. An manchen Landesgrenzen wird offensichtlich härter gearbeitet, als die offizielle Vorschrift erlaubt.

China lässt sich den Eintritt gut bezahlen und dennoch ist das Passieren trotz Visum keine 100%ige Sache. Wir haben Glück – und einen deutschen Ausweis, der uns vom stickigen, lauten Hong Kong (siehe Fotostrecke) im Grenzzug wie durch einen Trichter ins noch schrillere Shenzen teleportiert. Zeit zum Durchatmen bleibt uns kaum. Das erstaunlich saubere und aufgeräumt wirkende Shenzen zieht uns in seinen Bann und einmal mehr entdecken wir durch eine neue, ungeahnte Welt.

Die erste Unmöglichkeit beschränkt sich tatsächlich auf die Suche nach unserem Hostel. Der auf der Karte verzeichnete Ort stimmt ganz offensichtlich nicht mit der Realität überein. Zwischen Rucksack und Rücken bildet sich bei zarten 38 Grad und knapper 80 prozentiger Luftfeuchtigkeit nach einem reizenden zweistündigen Walk durch die Metropole ein kleiner Pool. Herrlich. Niemand spricht Englisch und kurioserweise erkennt auch niemand das Logo der Hostelkette, eine neongelbe „7“ (wir stellen später fest, dass es diese Hostelkette in jedem fu*#?ing Winzlingsort gibt). Wir zweifeln erstmalig am allgemein anerkannten gesunden Menschenverstand. Selbst die Kombination aus Logo und das Deuten auf das Symbol „Hotel“ in unserem Bilderlexikon führt zu keinem Ergebnis. Weitermachen, was bleibt auch für eine andere Wahl. Wir fragen uns weiter durch, laufen im Kreis und finden das Hostel letztlich 200 Meter entfernt der Metrostation, an der wir ursprünglich ausgestiegen sind. Unsere Buchung ist natürlich nicht registriert. Also telefonieren wir mit einem russischen Telefonisten in England und versuchen die Buchung zu bestätigen. Das Erstellen einer neuen Buchung (wir hatten online noch nicht bezahlt) fällt nicht in den kreativen gedanklichen Machbarkeitsbereich der chinesischen Crew (Fünf Leute stehen recht aufgabenlos hinter dem Tresen und zucken mit den Schultern). Schlucken, Durchatmen, Weitermachen.

Soweit ich es Dennis nervös aufgeregten Andeutungen entnehmen kann, ist Shenzen das Mekka für Technikfreaks und selbstverständlich stürzen wir uns ins ungeahnt absurde Kabelparadies. Frau ist sicherlich mit fünfstöckigen Warenhäusern, vollgestopft mit Schuh-, Taschen-, Klamotten-, Beautyproduktetagen vertraut. Mann kennt Mediamarkt und Saturn und wägt sich bereits im Himmel der technischen Produktpalette. Falsch gelegen. Die Hochhäuser(!), die Shenzen zu bieten hat, sind bis auf den letzten Quadratmillimeter mit Blinklichtern, Adaptern, Lasern, Handyhüllen, Widerstände, Kondensatoren, USB-Sticks, I-Phones, LEDs,…überfüllt. Jeder Händler preist lautstark seine Produkte an und ist gerne bereit Zigaretten mit ungefährlichen 3000mW Lasern anzustecken. Der Reichelt Katalog ist ein dünnes Hemd gegen Shenzens Angebot. Dennis Augen leuchten und ich bin mir nicht ganz sicher, ob das an der Reflexion der vielen LEDs auf seiner Netzhaut liegt. Ich trotte schweigend und heimlich amüsiert hinter ihm her, laufe sicherlich zu oft in seinen Rücken, wenn er staunend sonderliche Käufe in Erwägung zieht. Bei mir kreist stets die selbe Frage im Kopf: Was macht man damit? Die Apple I-Phone Börse ist dann aber doch das Highlight unserer Tour. Nachdem uns eine weitere unendliche Rolltreppe in ungeahnte Welten schiebt, erreichen wir diese weiße Lichtgestalt-Etage. Auf dem Boden stapelt sich meterweise Verpackungsmüll von verkauften Handys und Paketsendungen. Die kleinen Parzellenläden sind minutiös und effizient aufgeräumte Lagerräume. Bis zu 600 I-Phones stapeln sich pro Laden an den Wänden hoch. In der Auslage liegt frisch produziertes I-Phone Zubehör, das von kleinen, flinken Fingern aufgewickelt, gerollt, oder gesteckt und mit hübschen, durchsichtigen Plastiketiketten versehen wird, so dass es der Deutsche nett und originalverpackt im Regal findet. Schiffsladungen eines Produktes werden in Kartons fest verschweißt und in Endlosschleife eilig abtransportiert. Die Lautstärke ist einschüchternd, die Luft in der fensterlosen Halle stickig. In der Mitte des Saales stehen wichtige Hemdenträger mit dicken Klunkerringen um einen riesigen Glastresen, prüfen aktuelle Preise und verkaufen am Telefon eifrig Apple Produkte im Sekundentakt an Großkunden. Wir kaufen zwei dieser schicken weißen Kabel – mehr als Trophäe. Ha! Die desinteressierte Verkäuferin unterbricht das Aufwickeln mehrerer tausend Kopfhörer und starrt, als sie registriert, dass wir lediglich zwei Käbelchen einkaufen wollten. Unser elendig kleiner Kauf wird in die traurige Geschichte der wohl niedrigsten Verkaufssumme des Saales eingehen, die hier über die Ladentheke gegangen ist. Eine Etage tiefer sitzen Chinesen in dunklen Parzellen, bei dumpfen Nachttischlampenschein und öffnen Kameras, Laptops und I-Phones in Windeseile und wechseln geschickt Einzelteile aus. Easy, Easy, versichert uns ein Arbeiter und bohrt vollkommen Respekt befreit ein winziges Werkzeug in den Bauch einer Canon-Kamera. In Deutschland wäre diese sicherlich längst auf dem Technikmüll gelandet oder eine Reparatur hätte ein Vermögen verschlungen. Er bietet uns noch freundlich an, wenn wir ein Problem hätten, für schlappe 10 Dollar tausche er I-Phone Touch Screens aus. Hinter ihm stapeln sich frische I-Phone Gläser bis unter die niedrige Decke. Unwillkürlich fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt, als mein Pa mir mit väterlichem Ernst versichert, dass in jedem Gerät ein winziger Chinese im Laufrad säße, um die Dinge in Gang zu halten. So ganz weit hergeholt, scheint mir dieser Gedanke nach den heutigen Eindrücken nicht mehr.

Weiterreisen, wie man es aus anderen asiatischen Ländern gewohnt ist (Busbahnhof-Ticketkauf-Abfahrt), grenzt im westlichen China nahezu an Unmachbarkeit. Ernüchtert müssen wir an jeder Busstation oder Bahnhöfen (sofern vorhanden) feststellen, dass wir wider Erwarten in einer Sackgasse gelandet sind. Unser Reistempo gleicht dem einer Schnecke. Recherchemöglichkeiten im Internet sind dank Zensur der Regierung stark limitiert (was ist google/wikipedia?) und so erfragen wir Verbindungen von A nach B, indem wir zu abgelegenen Infoschaltern pilgern und mit Händen und Füßen erklären. Oftmals kehren wir leicht frustriert mit leeren Händen zurück, um eventuell Informationen von Polizisten, Taxifahrern oder an Hotelrezeptionen zu gewinnen. Orte, die wir erreichen wollen, scheinen nicht zu existieren oder sind der Bevölkerung unbekannt. Chinesen sind leider nicht gewohnt Karten zu lesen und so wird unser Handy mit großen Augen mehrmals im Kreis gedreht bevor es schulterzuckend zurückgereicht wird. Wir benötigen knappe fünf Tage, um uns von Shenzen an unser Ziel, das Tal der 10000 Hügel in Xingy durchzukämpfen. Ein Taxifahrer am Bahnhof lädt uns inklusive Gepäck in sein Taxi ein und fährt uns zu unserem Hostel. Geld dafür will er nicht sehen, die Dame, die bereits vorne Platz genommen hat, scheint dafür aufzukommen. Wir lächeln freundlich, danken artig mit Verbeugung und fragen nicht länger nach. Manchmal hat man eben Glück. Im Hotel scheint man trotz Zeichensprache nicht nachvollziehen zu können, dass wir ein Zimmer buchen wollen. Auch unser Reisegepäck deutet offensichtlich nicht darauf hin, dass wir Hostelgäste sein könnten und so wird einmal mehr der Manager herbeitelefoniert, der wiederum einen englischsprachigen Freund kontaktiert, dem wir am Telefon unser gigantisches Vorhaben (nämlich eine Übernachtung) mitteilen. Verwirrungen dieser Art sind keine Seltenheit und mit der Zeit reagieren wir sehr gelassen auf solche Situationen. Dennoch schließen wir ein weiteres Reiseziel in der Region bald aus und planen innerlich die Weiterreise Richtung Vietnam.

Das Tal der 10000 Hügel erreichen wir über einen Highway, der den chinesischen Bau-Größenwahnsinn spiegelt. Mit einem Bus erreichen wir zunächst eine der vielen Geisterstädte, die China für zukünftige Generationen baut. Vierspurige, gähnend leere Kreuzungen mit nutzlos blinkenden Ampeln warten auf das Verkehrsaufkommen der Zukunft. Gigantische Videoscreens erzählen von größenwahnsinnigen Bauprojekten der chinesischen Regierung. Für wen? Keine Ahnung. Der Busbahnhof in Guyiang ist modern und absurd riesig, selbst Busse wirken wie Spielzeugautos unter den riesigen Dächern. Über unendlich lange Hängebrücken in schwindelerregender Höhe fahren wir durch die magische Landschaft Chinas und starren in die Weite der Täler tief unter uns. Die 400km lange Strecke setzt sich aus Brücken und Tunneln zusammen. Wir lächeln nun, dass die Schweizer ihr „Tunnelprojektchen“ feiern.

Das Tal der Hügel ist ein wunderschöner, magischer Ort. Selbst die verrückten chinesischen Touristen, die in Scharen anreisen, können die Stimmung nicht verderben. Wir machen uns einen Spaß daraus und schließen uns einer riesigen Gruppe Kamerabehangener Asiaten an und steigen mit ihnen in ein Fahr-mich-durch-das-Tal-ich-hab-kein-Bock-zu-laufen-Golfcart. Irgendwie eine Mischung aus Zirkus und Tollhaus. Wir posieren am Rande ihrer Bilder und knipsen munter im Takt.

Unser Fazit: Wir müssen definitiv noch einmal nach China zurück. Die 14 Tage, die wir lediglich im äußeren Südwesten dieses riesigen Landes verbracht haben, reichen bei Weitem nicht aus, um diese eigensinnige, den fremden Einfluss ablehnende Kultur kennenzulernen oder gar zu verstehen. Der Einblick, der uns gewährt wurde, gleicht Filmszenen der 60er Jahre. Selbstverständliches Rauchen in Restaurants, Zugabteilen und Kaufhäusern erinnert an längst überwundene Diskussionen in Deutschland der vergangenen Jahrzehnte. Ein Bauboom schafft selbst in den ländlichsten Regionen einen Einheitsbrei an Betonbauernhöfen. Hammer und Sichel weisen allgegenwärtig die Richtung. Eine hilfsbereite Nation, die am Rande des Größenwahnsinns, eingenebelt von kommunistischem Gedankengut lebt und wie Drohnen einstimmig durch den scheinbar limitierten Alltag floatet, verdient eines zweiten, genaueren Blickes.

China, wir sehen uns wieder, doch nun auf zu neuen Abenteuern.

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