Laos – Grüne Oase der Mitte

Gefühlte Unendlichkeiten addierten sich auf dem inneren Meilenkonto zu einer scheinbar endlosen Kette. Das Bedürfnis nach Rasten ist nach Kambodscha enorm. So kommt die Vorstellung einer unbequemen Grenzüberquerung im Nirgendwo schon einem unüberwindbaren Hindernislauf mit riesiger Wassergrube und Fallstricken nah. Der geheimnisvolle Ruf, der Laos vorauseilt, lässt uns dennoch Kurs aufnehmen und wir reisen ein in das mystische und unberührte Land der Millionen Elefanten.

Si Phan Don

Blicken wir zurück, würden wir Laos als sauberes, naturbelassenes, grünes Dschungelparadies beschreiben, deren Einwohner hilfsbereit, bemüht und freundlich sind. Nicht so die Bootsfahrer, die uns den Zugang zu den 4000 Islands (Si Phan Don) im Süden des Landes erschweren wollen. Als wir nach langer, holpriger Busfahrt am Bootsanleger herausgeworfen und unserem Schicksal überlassen werden, taucht die glühend rote Sonne bereits hinter hauchdünnen Schäfchenwolken, die in pink und lilafarbene Facetten getaucht werden, unter. Laos hat die schönsten Sonnenuntergänge, die wir bislang gesehen haben! Die Fotos sprechen zweifellos für sich.

Der junge Bootsführer, ein mehr als sich selbst beeindruckender Typ, macht keine Anstalten die kleine Ansammlung an Reisenden an das gegenüberliegende Ufer zu bringen. Dem Ziel schon so nah, starren wir sehnsüchtig Richtung der vielen kleinen Inseln, von denen uns Dondet von nun an beherbergen soll (Danke Jan für den genialen Tipp). Nachdem bereits zu viel Zeit vergangen ist, wird offensichtlich, dass man uns absichtlich warten lässt und bei mehrfachem Nachfragen nach einer Abreisezeit erfolgen die ersten dreisten Geldforderungen für die bereits beglichene Überfahrt. Einige eingeschüchterte Mädels zücken bereits das Extrageld und wollen irgendwie an ihr Ziel kommen. Ein echter Spasti, der sich für King Kong hält und destruktiv herumflucht, hysterisch anfängt zu lachen und sich aufführt wie Rumpelstilzchen, erreicht nichts. Ich knuffe Dennis noch einmal heftig in die Seite und sehe, dass hinter seiner Stirn bereits ein Masterplan bereitliegt. Er baut sich breitbeinig vor dem schlaksigen Typen auf, der mittlerweile seine Freunde von dem Geld der Mädels auf Bier eingeladen hat, ziemlich lautstarke Töne von sich gibt und sich ganz offensichtlich lustig über unsere Not macht. Am Kinn dreht Dennis seinen Kopf, so dass der Knabe keine Chance hat an ihm vorbeizuschauen. Eine knappe Handbreite ginge eventuell noch zwischen die zwei Augenpaare. Böse gegen eingeschüchtert, die Stimmung kippt eindeutig. Ein paar sehr bestimmte Worte, der bohrende Blick des blonden Bärtigen, das Wort Polizei und ein nachgesetztes WE LEAVE RIGHT NOW lassen die gesamte Crew springen und auf einmal geht alles umsonst und fast von ganz alleine…na also! Keiner unserer Mitstreiter wird Dennis dafür danken und wir schütteln innerlich den Kopf und fragen uns, wo in solchen Situationen die Solidarität bleibt. Man stellt immer wieder fest, dass man sich ausschließlich auf sich selbst verlassen kann. Dennis und ich stehen wie eine Mauer und sind ein eingespieltes Team und das hat der Typ wohl verstanden – unsere Rucksäcke trägt er zum Boot.

Einmal mehr in der Off-Season unterwegs, empfängt uns die nächtliche Stille der Insel. Der Hafen misst einen vier Quadratmeter großen Strand, an dem wir samt Gepäck aus dem Boot springen – inklusive nasser Füße. Im Licht der kahlen Neonleuchtstäbe der winzigen Buden flattern tausende Insekten und machen die Nacht zum Tag. Wir streunen durch die engen Gassen und finden eine nette Bleibe für die erste Nacht. Weil man nun mal in Laos ist, geht’s direkt noch zum Inder. Kann ja keiner was dafür, dass sein Restaurant das beste des Dorfes ist und so werden wir ab dem ersten Abend zu Stammkunden. Dass wir bereits die Heimat des Hausherrn besucht haben, beschert uns selige Blicke und ein kräftiges Kopfwackeln seinerseits.

Auf der winzig kleinen Insel führen zwei Straßen zusammen. Eine davon ist der Rollsplitring versteckt im hohen Gras, manchmal nur ziegenpfadbreit. Das hält die Einwohner aber keineswegs davon ab mit den lustigsten, selbstgebastelten Fahrzeugen durch die Büsche zu heizen. Wir teilen den Weg mit klapprigen Rädern, Rikschas, Mopeds, Hühnchen und Wasserbüffeln. Belustigt streunen wir durch den Streichelzoo mitten in den Reisfeldern und wagen auch eine Fahrradtour über die Schlaglochroute. Die Sonne brezelt ordentlich und so entschließen wir uns eine Tube-Tour zu machen. Klingt wild, aber man geht zum besagten Hafen leiht sich für 20 Cent einen riesigen Gummireifen und setzt sich in die Strömung des Mekong. Man könnte sich auch in eine Tour einkaufen – ein gieriger Bootsführer würde einen zu einem günstigen Abschnitt bringen, später aus dem Wasser helfen und die riesigen Reifen inklusive Touristen zurücktransportieren. Wir entscheiden uns für die Billigvariante, wo wir freundlich auf den zwei Kilometer entfernten Wasserfall hingewiesen werden (den man lieber nicht im Reifen passieren sollte) und selber nach Zeitgefühl irgendwo am Ufer der Insel aus dem Wasser klettern muss. Den Reifen trägt man dann die geschwommene Strecke auf dem Kopf balancierend durchs Dorf zurück. Aber für die belustigten Blicke der Einheimischen und den Fun lassen wir uns das nicht nehmen.

Am Abend quartieren wir in eine Bananenhütte am Ufer des Mekong um. Hängematten und Liegestühle kann man einfach nicht ausschlagen. Wir wohnen für 3 Euro die Nacht und schlafen richtig ungemütlich in scheckigen Betten und mit einem quietschenden Ventilator. Die Mücken lauern vergnügt und stechbereit in alle Ecken. Wir genießen den Sonnenuntergang von unserer kleinen Terrasse, sind uns dennoch im Klaren, dass wir den Lifestyle nicht länger als nötig aushalten wollen. Man wird auf Reisen nicht jünger und so eine Klimaanlage bei über 30 Grad ist besonders nachts, wenn man alle viere von sich gestreckt schwitzend wach wird, doch erstrebenswert. Zum Frühstück gibt es stets Sticky Rice mit Bananen, eine der köstlichsten Speisen des Landes. Wir sitzen in einer hübschen Stelzenbar mit Blick aufs Wasser und weil es uns so gut geht, verlängern wir unseren Aufenthalt jeden Abend um einen weiteren Tag.

Vientiane

Mit dem Nachtexpress schaukeln wir dann doch irgendwann Richtung Norden uns landen nach einer der härtesten Touren müde und zerknautscht in Vientiane. Die Kaffeehauskultur ist hervorragend und ein deftiges Frühstück nach durchzechter Nacht päppelt uns wieder auf. Wir sind zu neuen Schandtaten bereit. Und klar, wir besorgen mal wieder ein Visum und schlagen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Vientiane hat die absurdesten Tuk-Tuk Preise der Nation und so müssen wir hartnäckig handeln und von einem zum nächsten Fahrer watscheln, bis uns ein Angebot auch nur ansatzweise entgegenkommt. Wir ergattern eine Rundfahrt durch die Außenbezirke inklusive Botschaft (stellen entsetzt fest, dass diese vier Werktage für das Herstellen zweier Aufkleber in Anspruch nehmen will, betteln und machen Dackelaugen und brechen auf zwei Tage herunter) und einer kurzen Tour zu einem Tempel, von wo aus wir notfalls zurücklaufen könnten. Logistisch sollte man bei einer so länderumfassenden Reise viel auf dem Kasten haben! Der Tempel liegt in einem hübschen Wohnbezirk und ragt mit seinem goldenen Zwiebelturm über die kleinen Häuser raus. Einen schlafenden Buddha wecken wir noch im Vorbeigehen mit dem lauten Klicken der Kamera und weiter geht die Stadtbesichtigung.

In Vietnam noch begeistert vom göttlich zubereiteten Papaya-Salat bestellen wir am Straßenrand eine frisch zubereitete Mische. Vollkommen entsetzt spucken wir das Zeug zurück auf den Teller und schleichen uns unauffällig davon. Man konnte ja nicht ahnen, dass die Laoten ihren Salat mit fermentierter Fischpaste aufpeppen. Bäh! Sag ich euch. Kann man machen, aber muss man wirklich nicht. Unseren Reisealltag runden wir mit einem nächtlichen Besuch des riesigen Nightmarkets ab. Ans Kaufen von niedlichen Dingen, Souvenirs oder Klamotten denken wir schon lange nicht mehr. Unsere Augen haben eindeutig zu viele schöne Basare gesehen. Außerdem gilt stets die abschreckende Devise: Was du kaufst, trägst du früher oder später auf dem Rücken.

Luang Prabang

Dieser Ort ist ein absolutes Highlight und unbedingt erwähnenswert. Glücklicherweise haben wir den riesigen Umweg auf uns genommen und den Norden Laos auch noch erobert.

Das 40.000 Seelendörfchen empfängt uns in aller Herrgottsfrühe mit schlaftrunkenem Blick und rosa Butterwölkchen über dem hübschen Kopf. Wir sind wohl nicht minder müde und schlurfen durch die breiten, nett angelegten Straßen, um unser Hostel zu finden. Ganz anders die vielen emsigen orangenen Lichtgestalten, die am Straßenrand huschen. In das wunderschöne Morgenlicht getaucht, wandern hunderte orange, braun bekleidete Mönche auf ihren morgendlichen Routen, summen Gebete und sammeln Reisspenden von Frauen, die am Straßenrand Knien und demütig ihre Gaben weiterreichen. So eine frühe Anreise kann sich also doch bezahlt machen. Ein Foto hiervon zu schießen, erscheint irgendwie unpassend und so werden wir einfach stille Beobachter. Später lesen wir, dass Luang Prabang berühmt ist für seine Mönchwanderungen. Timing ist halt alles!

Leider streckt mich zum ersten Mal seit Beginn der Reisezeit eine heftige Erkältung nieder und Dennis hat nichts Besseres zu vor, als von mir abzugucken. So liegen wir im Paradies, dessen Luft wir bereits geschnuppert hatten, vorzugsweise vier Tage im Bett. Wir verlängern, ist doch klar! Endliche wieder fit, schwingen wir uns auf ein geliehenes Moped und heizen in die Berge. Was für eine Wohltat nach dem monotonen Betonwandblick aus dem Krankenbett. 30 Kilometer flitzen wir entlang grüner Felder und dichter Dschungelabschnitte, über Hügel und durch Täler in denen sich kleine Häuser einkuscheln. Die wilden Kinder im Heuhaufen zaubern uns ein Lächeln auf die Lippen bevor wir uns weiter Richtung Wasserfälle aufmachen. Vollkommen erwartungslos kommen wir an dem Gate an, zahlen ein kleines Eintrittsgeld und sind geblendet, als wir die türkisfarbenen Wasserfallterrassen des Quang Si erreichen. Am liebsten will man direkt ins kühle Nass springen, doch die Fotowut packt uns zunächst. Wir erklimmen die sich am Hügel entlang windenden Becken und finden eines schöner als das andere. An einer Brücke erreichen wir dann den Fuß des großen Wasserfalls, der die Terrassen mit Wasser speist. Ein traumhafter Anblick und ein guter Ort zum Malen. Dennis geht klettern und schwimmen. Sein Mini-Mi winkt mir von hoch oben von den Felsen herab und ich genieße die Sonne. Ein perfekter Tag vor unserem Flug nach Myanmar – von dem uns noch zwei weitere erwarten sollen.

Die kleine Altstadt empfängt uns mit ihrem bunten Basar und duftenden Fressbuden. Wir schnabulieren hier und dort mal ein Reisküchlein mit Mandeln oder eine zuckersüße Miniananas am Spieß, genießen einen französischen Café au Lait in einem der vielen Kolonialhausstil-Cafés. Hier lässt es sich leben und die unzähligen Tempel, die überall zwischen den Häusern auftauchen, verleihen der Stadt eine einzigartige Atmosphäre. Ein Feierabendbier in einem Bambuscafé mit Blick auf die riesige Mekongschleife und wir lassen unser Laosabenteuer mehr als zufrieden ausklingen.

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